Falsch verstandene Sicherheit

Länge schlägt Komplexität

Die Antwort ist überraschend einfach: Herrn K.s Passwort ist nicht zu simpel, sondern zu kurz. Bei einem gestohlenen Datenbestand probiert der Angreifer die Passwörter nicht an der echten Login-Maske durch, sondern bei sich zu Hause — ungebremst, milliardenfach pro Sekunde. Gegen dieses Tempo hilft kein weiteres Sonderzeichen. Was hilft, ist jede zusätzliche Stelle, denn jede vervielfacht die Zahl der Möglichkeiten.

Drei Beispiele machen es greifbar (die Zeiten gelten für den beschriebenen Angriff auf einen gestohlenen Datenbestand):

Passwort

Länge

Ein heutiger Rechner braucht

kL7$mZ9q

8 Zeichen

wenige Stunden — über Nacht

Sommer2026!

11 Zeichen

Sekunden (bekanntes Muster!)

pHF7JBPJ:Hnava46jN-uP23FhEfW4R)s

32 Zeichen

länger, als das Universum existiert

Das zweite Beispiel zeigt: Länge allein genügt nicht, wenn das Muster vorhersehbar ist. "Sommer2026!" erfüllt formal alle Vorgaben — Großbuchstabe vorn, Ziffer und Sonderzeichen hinten —, aber genau dieses Muster kennen die Rateprogramme und probieren es zuerst.

Das dritte Passwort dagegen ist praktisch unknackbar. Es hat nur einen Haken: Kein Mensch kann sich "pHF7JBPJ:Hnava46jN-uP23FhEfW4R)s" merken. Wie löst man das?

Die Lösung: ein Passwort, das man sich merken kann

Der Trick sind nicht wilde Sonderzeichen, sondern mehrere zufällige Wörter hintereinander. Eine Kette wie Fisch-Ampel-Wolken-Traktor-Kaffee-Anker ist lang, leicht zu merken — und trotzdem sicher, solange die Wörter wirklich zufällig sind. Genau da liegt die Falle: Ein sinnvoller Satz wie heute-ist-ein-schoener-tag ist eben nicht zufällig. Nach „heute ist ein schöner …" kommt fast zwangsläufig „Tag", und solche Alltagssätze stehen längst in den Wörterbüchern der Angreifer.

Zufall kann man sich nicht ausdenken 

Ausgedachte Wörter sind schon wieder vorhersehbar. Man muss ihn würfeln. Das klingt seltsam, funktioniert aber verblüffend einfach:

Und so geht es:
  • Ein Würfel hat sechs Seiten. Würfeln Sie fünfmal und schreiben Sie die Augenzahlen hintereinander, zum Beispiel 4-2-6-1-3
  • Zu genau dieser Zahl gibt es in einer fertigen Wortliste ein festes Wort. Die Liste hat 7.776 Einträge — so viele fünfstellige Zahlen lassen sich aus sechs Augen bilden (6 × 6 × 6 × 6 × 6). Für jede mögliche Würfelfolge gibt es also genau ein Wort.
  • Sie schlagen das Wort zu Ihrer Zahl nach, notieren es und wiederholen das sechsmal. Fertig sind sechs echt zufällige Wörter.

Sechs gewürfelte Wörter hielten dem Angriff von oben mehrere tausend Jahre stand — merken müssen Sie sich nur eine kleine, absurde Geschichte daraus. Aus Fisch-Ampel-Wolken-Traktor-Kaffee-Anker wird „ein Fisch an einer Ampel schaut in die Wolken und trinkt auf einem Traktor Kaffee — vertäut an einem Anker". Fertige, geprüfte deutsche Wortlisten gibt es kostenlos, etwa vom Projekt dys2p. 

Für alle anderen Konten:
der Passwortmanager

Sechs Wörter zu würfeln lohnt sich nicht für dreißig Konten — und das muss es auch nicht. Für die überwältigende Mehrheit übernimmt ein Passwortmanager die Arbeit: ein Programm, das für jeden Dienst ein eigenes, zufälliges Passwort erzeugt, verschlüsselt speichert und beim Anmelden selbst einträgt. Sie müssen sich diese Passwörter nie merken oder eintippen.

Selbst merken müssen Sie dann nur noch zwei bis vier: das Master-Passwort des Managers, die Anmeldung am Gerät, vielleicht das E-Mail-Postfach. Genau für diese wenigen lohnt sich das Würfeln. Auch das BSI empfiehlt den Einsatz eines Passwortmanagers. Ein angenehmer Nebeneffekt: Weil jeder Dienst ein eigenes Passwort bekommt, öffnet ein einzelnes Datenleck nicht gleich alle anderen Konten.

Hinweis: Die Knackzeiten sind Näherungswerte für einen Offline-Angriff auf einen gestohlenen, schnell gehashten Datenbestand, gerechnet auf heutiger von Angreifern verwendeter Spezialhardware. Bei einem laufenden Onlinedienst, der Fehlversuche ausbremst, sind die Zeiten weit länger.


Zum Weiterlesen:
die Technik dahinter

Nicht Pflichtstoff — für alle, die genauer wissen wollen, warum die Verfahren sich so unterscheiden.

Wie ein gestohlenes Passwort überhaupt geknackt wird

Ein seriöser Dienst speichert Ihr Passwort nie im Klartext. Er jagt es durch eine Rechenmaschine, die daraus eine feste, zufällig wirkende Zeichenfolge macht — den Hash. Für dasselbe Passwort kommt immer derselbe Hash heraus, aber die Maschine läuft nur in eine Richtung: Aus dem Passwort wird der Hash, aus dem Hash aber nie wieder das Passwort. Wie ein Reißwolf — aus dem Blatt werden Schnipsel, aus den Schnipseln nie wieder das Blatt.

Wird die Datenbank gestohlen, hat der Dieb also nur die Hashes, nicht die Passwörter. Um an ein Passwort zu kommen, bleibt ihm nur eins: raten. Er schickt ein mögliches Passwort durch dieselbe Maschine und vergleicht den Hash mit dem gestohlenen — milliardenfach pro Sekunde, bis einer passt.

Und hier zeigt sich, warum Länge alles ist: Jede zusätzliche Stelle vervielfacht die Zahl der möglichen Passwörter, die der Dieb durchprobieren muss. Ein achtstelliges Passwort ist so über Nacht durch, ein zwölfstelliges würde denselben Rechner Tausende Jahre beschäftigen.  

Zwei Angriffswege: offline und online

Ein häufiges Missverständnis: „Solange niemand die Datenbank stiehlt, kann auch niemand mein Passwort erraten." Das stimmt nur halb.

Offline (der obige Fall): Der Angreifer hat die gestohlenen Hashes und rät bei sich zu Hause — ungebremst, Milliarden pro Sekunde. Hier zählt die Länge, hier fällt ein kurzes Passwort über Nacht.

Online: Der Angreifer tippt Passwörter direkt in die echte Login-Maske. Der Dienst bremst ihn nach wenigen Fehlversuchen mit Wartezeit, Captcha oder Sperre — reines Durchprobieren lohnt sich kaum. Gefährlich wird der Online-Weg durch wiederverwendete Passwörter aus früheren Leaks und durch Phishing. Dagegen helfen ein eigenes Passwort je Dienst und die Multi-Faktor-Authentifizierung.

Was BSI und NIST heute vorgeben

Die US-Normbehörde NIST verlangt in ihrer Richtlinie SP 800-63B (Rev. 4) keine erzwungene Komplexität und keinen routinemäßigen Wechsel mehr, dafür einen Abgleich gegen Listen geleakter Passwörter. Das deutsche BSI folgt im IT-Grundschutz-Kompendium demselben Kurs: Reine zeitgesteuerte Wechsel (klassisch alle 90 Tage) sollen unterbleiben, ein Wechsel wird nur bei validem Grund (etwa Verdacht auf Kompromittierung) gefordert — so der wörtliche Baustein
. Dass Länge der wichtigste Faktor ist, ist die übergreifende Empfehlung beider Stellen.  


Zusammenfassung

  • Kurze Passwörter fallen bei einem Datendiebstahl über Nacht — egal, wie kompliziert sie aussehen.
  • Länge ist der wichtigste Faktor: Jede zusätzliche Stelle vervielfacht den Aufwand für den Angreifer.
  • Für jeden Dienst ein eigenes Passwort — sonst öffnet ein Leck gleich alle Konten.
  • Ein Passwortmanager erzeugt und speichert die meisten Passwörter; selbst merken muss man nur zwei bis vier.
  • Multi-Faktor-Authentifizierung schützt auch dann, wenn das Passwort einmal gestohlen wird.
  • BSI und NIST raten von erzwungener Komplexität und routinemäßigem 90-Tage-Wechsel ab.

Quellen

Hinweis: Die Knackzeiten sind Näherungswerte für einen Offline-Angriff (ca. zehn Milliarden Rateversuche/Sekunde auf einen gestohlenen, schnell gehashten Datenbestand). Bei einem laufenden Onlinedienst, der Fehlversuche ausbremst, sind die Zeiten weit länger.

Wir vertrauen Ihnen und Ihrer Kompetenz!

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